Samstag, 21. Juni 2014

Aus dem eigenen Leben I

Der Fahrstuhl öffnet sich. Ein flüchtiger Blick im Vorbeigehen. Sie steigt aus. Ich bleibe stehen und starre sie an. Mit meinen neunzehn Jahren ist mir mein ganzes Dasein peinlich. Mein Kopf macht sich daher selten die Mühe, extra rot anzulaufen, um darauf hinzuweisen. In diesem Moment ist das anders.

Ihre braunen Augen bilden diesen wunderbaren Kontrast zu ihren blonden Locken. Die Sommersprossen wirken so wundebar fremd auf ihrer weißen Haut. Zwei Jahre lang war sie für mich die schönste Frau der Welt.

„I-ch dach-te, d-u bist i-i-i-n Sch-we-den?“, stammele ich. Kein „Hallo“, kein „Schön, dich zu sehen“, kein „Hey, wie geht es dir?“ verlässt meine Lippen. Kein Lächeln vor Freude, sie wiederzusehen. Vermutlich liest sich mein Gesichtsausdruck in diesem Moment als blankes Entsetzen. Sie blinzelt viele Male, zurecht verwirrt.

„Ja, das war ich auch.“ Ihre Augenbrauen kräuseln sich. Sie mustert mich lange und intensiv. Ich wundere mich, dass es meinen Brustkorb noch nicht durchschlagen hat – mein kieselsteingroßes Herz.

In Gedanken zähle ich nach, wieviele Sätze wir in den zwei Jahren gewechselt haben. 18 ½! Sie muss sich wundern, dass ich von ihrem Jahr in Schweden weiß.

Ihre Augenbrauen hüpfen. Es ist eindeutig. Es liegt an mir. Wenn ich mir nicht den Rest meines Lebens vorhalten will, mit meiner ersten Liebe nie wirklich Zeit verbracht zu haben, ihr nie näher gekommen zu sein, als zwei Jahre lang in Mathestunden vor ihr zu sitzen, dann muss ich jetzt handeln.

Seit Beginn meines Zivildiensts im örtlichen Altenheim, habe ich mich gefragt, ob der gleiche Nachname reiner Zufall oder ob es nicht vielleicht doch ihre Oma ist. Und ich hatte Monate lang Zeit gehabt, mir für diesen Moment, mir für diese Eventualität etwas zu überlegen. Eine Strategie. Gesprächsthemen gibt es doch genug auf der Welt. Doch die Gedächtnis-Schublade mit Plan A klemmt.

Mein Kopf ist selten leer. Auch jetzt nicht. Tausende von Möglichkeiten gewittern hinter meiner Stirn. Aber ist mein Gegenüber eine Frau, die ich mag, wird mein innerer Zensor zum Titan. Breitbeinig stellt er sich der Gewitterfront entgegen, fängt die Blitze mit bloßen Händen. Kein Satz kann vor ihm bestehen.

...

Ihr Blick wandert zum Seitengang. Sie nickt noch einmal in meine Richtung. Zum Abschied. Jetzt oder nie. Jetzt oder nie. Komm schon, du kannst es …

Nie.

Es hätte mein Moment sein sollen. Es war mein Terrain. Neun Monate Ebene fünf. Neun Monate Hauswirtschafts-Zivi auf der Demenz-Etage. Die Pfleger mochten mich. Die Bewohner mochten mich. Die Pflegerinnen liebten mich. Die Bewohnerinnen liebten mich noch mehr. Doch selbst hier hatte ich nicht das Ego und den Mut.

Die Hektik des Altenheimbetriebs lässt nicht die Zeit, im Gedankenmeer zu versinken.

„Noo-oooch eet-waaa-aas Saa-aaft bi-ii-ttee!“ Frau M. machte in meinem Rücken auf sich aufmerksam. Rollstuhl. Zusammengeschrumpft auf Zwergengröße. Demenz. Ein Mensch ohne Bewusstsein für seine eigene Geschichte. Sprechen strengt sie wahnsinnig an. Ich drehe mich um und beuge mich zu ihr runter. Die Niederlage gerade – Salz auf meinem immer wunden Herz. Ausnahmsweise muss ich mein Lächeln vortäuschen. Sie nicht. Sie strahlt mich an, als ich ihren Wunsch erfülle. Sie ist weit über neunzig und dies sollten die letzten Monate ihres Lebens werden.

An meinem letzten Tag würde Frau M. all ihre Kraft zusammennehmen. Worte haben große Macht. Kein Wunder, dass sie einen manchmal anstrengen. Sie würde mich auf die Wange küssen. Und sie würde mir zum Abschied sagen: „Ich liebe dich.“ Bis zum heutigen Tag ist sie die einzige Frau, die das zu mir sagte, mit der ich nicht verwandt bin. Tja nun.

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