Der Fahrstuhl öffnet sich. Ein
flüchtiger Blick im Vorbeigehen. Sie steigt aus. Ich bleibe stehen
und starre sie an. Mit meinen neunzehn Jahren ist mir mein ganzes
Dasein peinlich. Mein Kopf macht sich daher selten die Mühe, extra
rot anzulaufen, um darauf hinzuweisen. In diesem Moment ist das
anders.
Ihre braunen Augen bilden diesen
wunderbaren Kontrast zu ihren blonden Locken. Die Sommersprossen
wirken so wundebar fremd auf ihrer weißen Haut. Zwei Jahre lang war
sie für mich die schönste Frau der Welt.
„I-ch dach-te, d-u bist i-i-i-n
Sch-we-den?“, stammele ich. Kein „Hallo“, kein „Schön, dich
zu sehen“, kein „Hey, wie geht es dir?“ verlässt meine Lippen.
Kein Lächeln vor Freude, sie wiederzusehen. Vermutlich liest sich
mein Gesichtsausdruck in diesem Moment als blankes Entsetzen. Sie
blinzelt viele Male, zurecht verwirrt.
„Ja, das war ich auch.“ Ihre
Augenbrauen kräuseln sich. Sie mustert mich lange und intensiv. Ich
wundere mich, dass es meinen Brustkorb noch nicht durchschlagen hat –
mein kieselsteingroßes Herz.
In Gedanken zähle ich nach, wieviele
Sätze wir in den zwei Jahren gewechselt haben. 18 ½! Sie muss sich
wundern, dass ich von ihrem Jahr in Schweden weiß.
Ihre Augenbrauen hüpfen. Es ist
eindeutig. Es liegt an mir. Wenn ich mir nicht den Rest meines Lebens
vorhalten will, mit meiner ersten Liebe nie wirklich Zeit verbracht
zu haben, ihr nie näher gekommen zu sein, als zwei Jahre lang in
Mathestunden vor ihr zu sitzen, dann muss ich jetzt handeln.
Seit Beginn meines Zivildiensts im
örtlichen Altenheim, habe ich mich gefragt, ob der gleiche Nachname
reiner Zufall oder ob es nicht vielleicht doch ihre Oma ist. Und ich hatte Monate lang Zeit gehabt, mir für diesen
Moment, mir für diese Eventualität etwas zu überlegen. Eine
Strategie. Gesprächsthemen gibt es doch genug auf der Welt. Doch die
Gedächtnis-Schublade mit Plan A klemmt.
Mein Kopf ist selten leer. Auch jetzt
nicht. Tausende von Möglichkeiten gewittern hinter meiner Stirn.
Aber ist mein Gegenüber eine Frau, die ich mag, wird mein innerer
Zensor zum Titan. Breitbeinig stellt er sich der Gewitterfront
entgegen, fängt die Blitze mit bloßen Händen. Kein Satz kann vor
ihm bestehen.
...
Ihr Blick wandert zum Seitengang. Sie
nickt noch einmal in meine Richtung. Zum Abschied. Jetzt oder nie.
Jetzt oder nie. Komm schon, du kannst es …
Nie.
Es hätte mein Moment sein sollen. Es
war mein Terrain. Neun Monate Ebene fünf. Neun Monate
Hauswirtschafts-Zivi auf der Demenz-Etage. Die Pfleger mochten mich.
Die Bewohner mochten mich. Die Pflegerinnen liebten mich. Die
Bewohnerinnen liebten mich noch mehr. Doch selbst hier hatte ich
nicht das Ego und den Mut.
Die Hektik des Altenheimbetriebs lässt
nicht die Zeit, im Gedankenmeer zu versinken.
„Noo-oooch eet-waaa-aas Saa-aaft
bi-ii-ttee!“ Frau M. machte in meinem Rücken auf sich aufmerksam.
Rollstuhl. Zusammengeschrumpft auf Zwergengröße. Demenz. Ein Mensch
ohne Bewusstsein für seine eigene Geschichte. Sprechen strengt sie
wahnsinnig an. Ich drehe mich um und beuge mich zu ihr runter. Die
Niederlage gerade – Salz auf meinem immer wunden Herz.
Ausnahmsweise muss ich mein Lächeln vortäuschen. Sie nicht. Sie
strahlt mich an, als ich ihren Wunsch erfülle. Sie ist weit über
neunzig und dies sollten die letzten Monate ihres Lebens werden.
An meinem letzten Tag würde Frau M.
all ihre Kraft zusammennehmen. Worte haben große Macht. Kein Wunder,
dass sie einen manchmal anstrengen. Sie würde mich auf die Wange
küssen. Und sie würde mir zum Abschied sagen: „Ich liebe dich.“
Bis zum heutigen Tag ist sie die einzige Frau, die das zu mir sagte,
mit der ich nicht verwandt bin. Tja nun.