Dienstag, 14. Februar 2017

… von vergeudeter Lebenszeit und politischen Scheindebatten.



Februar 2017. Eine SPD-Politikerin fordert das Wahlrecht für Migranten ohne deutschen Pass. Man versteht sofort, warum sie dies tut. Wahlrecht als Signal für Akzeptanz. Wer hierher kommt, wird sofort als Teil der Gemeinschaft angesehen und soll alle Rechte haben. Die Gegenreaktionen aus dem rechten Lager sind ebenso klar. Man braucht sie gar nicht zu lesen. Unter dem immer gleichen Slogan „Deutschland schafft sich ab“ lassen sie sich subsumieren.
Doch natürlich muss man nicht rechts sein, um die Forderung zu kritisieren. Man sollte auch nicht annehmen, dass jeder, der das tut, es automatisch ist. Galt vor ein paar Jahren die Verortung im politischen Spektrum fast schon als überflüssig - ist ja eh alles Mitte! -, bestimmt sie jetzt unser tägliches Leben. Wohl dem, der Zeit für sowas hat!

Doch wer sich auf diese Debatten einlässt, egal aus welcher politischen Richtung er stammt, vergeudet Zeit! Im dritten Jahr befindet sich mittlerweile die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Und anhand solcher Debatten, wie der ums Wahlrecht für Migranten, zeigt sich: Wir sind immer noch keinen Schritt weiter! Es geht immer noch darum: wollen wir die Flüchtlinge da haben oder nicht!?
Es scheint mir, wir vergeuden die Lebenszeit aller Beteiligten: derer, die sich täglich um die Integration der Flüchtlinge bemühen, jener, die regelmäßig gegen die Aufnahmepolitik protestieren, und vor allem all jener, die nun schon im dritten Jahr zu Gast in unserem Land sind – wahrscheinlich immer noch nicht wissend, ob sie eigentlich gewollt sind oder nicht.

Folglich empfinde ich es als Frechheit, wenn Politiker der agierenden Parteien uns immer noch mit symbolpolitischen Debatten beschäftigen wollen. Wenn wir die Flüchtlinge wollen, müssen endlich konkrete Maßnahmen folgen. Es müssen zusätzliche Lehrerstellen geschaffen werden (i.ü. nicht nur mit befristeten Verträgen: die Schulen brauchen Planungssicherheit). Es muss endlich klar sein, mit welchem Ziel die in Deutschland lebenden Flüchtlinge beschult werden sollen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in vielen Schulen jugendliche Flüchtlinge wöchentlich ca. 10 Deutschstunden erhalten. Das ist viel zu wenig! Darüber hinaus besuchen sie andere Fächer. „Besuchen“ ist hier das richtige Wort, denn die Lehrer wissen nicht, wie sie Schüler unterrichten sollen, die die Sprache noch nicht richtig beherrschen und nur aufgrund ihres Alters (nicht ihrer Fähigkeiten) bestimmten Jahrgangsstufen zugeordnet werden. Folglich sitzen die Schüler hinten in der Klasse – in der Hoffnung, dass sie „etwas mitbekommen“. Es mangelt hier nicht an dem Willen der Lehrer, sondern an einer Zielsetzung durch die Politik, sowie entsprechender Unterstützungsmaßnahmen! 

Und während die Schulen mit diesen Problemen alleingelassen werden, werden deutschlandweit die Flüchtlingsunterkünfte privatisiert. Und – oh Wunder, oh Wunder – tatsächlich verschlechtern sich damit die Unterbringungszustände. Gleichzeitig verhandelt die Kanzlerin mit mehr und mehr Ländern über „schnellere Rückführungen“. Richtet man sein Augenmerk auf derlei politische Maßnahmen, scheinen mir die Signale unserer jetzigen Regierung relativ klar. Warum sich daher immer noch Entrüstung über den Vorschlag symbolpolitischer Maßnahmen erhebt, die ja sowieso nie umgesetzt würden, ist mir völlig schleierhaft. Ebenso unklar ist mir, warum jemand, der „gegen Flüchtlinge“ ist, die AfD wählen sollte. Die werden doch hierfür gar nicht gebraucht. Oder glaubt jemand ernsthaft, mit denen ginge das schneller? 

In diesem Wahljahr scheint mir die spannendere Frage, wen man denn wählen müsste, wenn man sich einen menschenwürdigen Umgang mit den hier lebenden Flüchtlingen wünscht? Wenn ich mir wünsche, dass die Zeitverschwendung in deutschen Schulen aufhört? Dort die Lehrkräfte darüber informiert werden, was die mittel- bis langfristige Zielsetzung in der Beschulung der Flüchtlinge ist? Wenn ich gegen eine Privatisierung von Flüchtlingsheimen bin? Was muss ich denn tun, wenn ich mir von den Parteien, die angeblich angesichts der Flüchtlingskrise eine „soziale Verantwortung“ verspüren, auch wirkliches politisches Handeln in diesem Sinne wünsche? Wer sich so etwas ebenfalls wünscht, muss sich im Wahljahr 2017 fragen, wie er die deutsche Parteienöffentlichkeit mal wieder in diese Richtung bewegt bekommt. Der Zug scheint nämlich längst in die andere Richtung zu fahren. Weitaus einstimmiger als uns die Hysterie der rechten Gegenöffentlichkeit und symbolpolitische Vorschläge glauben machen wollen. 

Gänzlich unabhängig davon, wie wir uns selber politisch verorten in diesen Fragen und was unsere Ziele sind, sollte sich jeder Klarheit in diesen wichtigen gesellschaftspolitischen Themen von der Politik wünschen. Um Positionen kann nur gerungen werden, wenn diese herrscht. In einer parlamentarischen Demokratie ist es dem Bürger möglich, dies den Parteien abzuverlangen. Dies sollten wir fordern. Anstatt jede scheinpolitische Debatte mitzuführen oder gar selber anzuzetteln. Nicht nur im Wahljahr 2017.

Donnerstag, 30. Juli 2015

Von einer zufälligen Begegnung



Hibbelig und aufgekratzt wirkt sie - wie jemand, der viel lacht und alberne Witze reißt. Es ist schwer vorstellbar, dass sie fast zehn Jahre älter als ich ist; bald vierzig wird. Ihr fahriges Wesen lässt daran zweifeln, nicht das jugendliche Outfit mit zerrissenen Jeans und bunten Chucksen. Allerdings frage ich mich, ob sie immer derart jugendlich angezogen ist, oder ob es dem Musikfestival gilt, das wir beide besuchen und welches zu unserer verhältnismäßig zufälligen Begegnung führte. 

„Ich habe nie wirklich weitergedacht“, sagt sie. „Ich wollte Kinder und diesen Job. Beides hab ich jetzt. Was jetzt noch kommen soll, weiß ich nicht genau. Vor allem, da selbst die Kleine mich nicht mehr so braucht, wie früher.“ Erstaunt wirkt sie über das Gesagte. Es scheint sie zu wundern, dass sie in jüngeren Jahren nie darüber nachgedacht hat, was kommen soll, nachdem man die großen Ziele – Familie, Haus und Traumberuf – erreicht hat. Vielleicht gibt es Menschen, die das Halten des Erreichten genüg Mühe kostet, so dass solche Gedanken gar nicht erst kommen. Bei ihr ist dem wohl nicht so. Mit ihrer fünfzehn Jahre jüngeren Freundin, einer ehemaligen Babysitterin für ihre Kinder, besucht sie das erste Musikfestival ihres Lebens. Es scheint Teil ihrer persönlichen Suche nach einem unbestimmten Mehr, einem Gefühl der Ganzheit, das der Welt verlorengegangen zu sein scheint, einem Gefühl, von dem viele meines Alters annehmen, dass es sich mit dem Erreichen der großen Ziele von alleine einstellt.

Es ist wohl die Sehnsucht nach diesem Gefühl, die das „Ankommen“ oder wie immer man es nennen will zum Dauerthema Nr. 1 für Menschen meines Alters macht. Berufliche und private Erfüllung finden, wird zur Lebensmaxime und neidisch jeder begutachtet, der diese vermeintlich schon gefunden hat. Trifft man alte Bekannte, kommt es immer gleich zum Statusabgleich. Erstaunlich, da die äußeren Parameter für das innere Befinden nicht ausschlaggebend zu sein scheinen: Der „Gewinner“ des zehnjährigen Abijubiläums lässt sich wenige Monate später scheiden, und muss plötzlich wieder neu anfangen, wohnt in einer Dreier-WG in einer fremden Stadt. Andere führt der Traumjob in der Sekunde für drei Jahre außer Landes, in der sie den lange herbeigesehnten und vermeintlich richtigen Partner gefunden haben. Und wieder andere starten beruflich gänzlich neu, weil es der ursprünglich auserkorene Traumberuf dann doch nicht war, und bevölkern wieder Hörsäle und Weiterbildungsseminare. Und dann sitzt da diese junge Frau und erzählt, dass es zehn Jahre später selbst bei denen, die es „geschafft haben“, innerlich immer noch so unruhig und unausgegoren aussieht!?

Meine kleinen Angstteufel machen sich schon bereit, mich angesichts dieser Vorstellung mit dem Dreizack zu drangsalieren, doch dann erwische ich mich dabei zu lächeln; denn eigentlich hat dieser Gedanke etwas sehr Versöhnliches. Natürlich stresst es manchmal und füllt einen mit Ängsten, wenn die großen Ziele noch nicht erreicht sind. Aber wenn sich Zufriedenheit eh nur durch den Blick nach Innen gewinnen lässt, ist die Chance darauf immerhin jederzeit gleich groß. Auch dann, wenn man daran leidet, ein paar der großen Fragen, noch nicht aus dem Weg geräumt zu haben. Schließlich werden diese Fragen nach dem Abhaken wiederum nur durch neue ersetzt. Sich mit all den kleinen inneren Nörglerstimmen auszusöhnen, wird wohl nur klappen, wenn man lernt, die Herausforderungen anzunehmen, die man sich nicht ausgesucht hat, und weitere Herausforderungen zu suchen, nach denen das Innere verlangt.

Und was man in der Theorie immer schon wusste, muss nun verinnerlicht werden. Es geht nicht darum, beim nächsten Statusabgleich mit alten Bekannten am besten abzuschneiden, sondern die Umstände des eigenen Lebens mit den eigenen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Und es sind meine Bedürfnisse, die zählen, nicht die von außen an mich herangetragenen, die meinen inneren Kritiker so wunderbar verzogen haben, mich lautstark mit unsäglichen Konzepten wie „Selbstoptimierung“ und „Maximalleistung“ zu quälen. Die Scham des Scheiterns darf verschwinden, wenn man nur genügend Fehltritte beobachtet hat – eigene und die von anderen. Und wenn man dann noch ein bisschen Glück hat, erlangt man wahrlich Wertvolles. Seelentiefe, das Verschwinden der Angst oder vielleicht die Fähigkeit, mit sich selbst so im Reinen zu sein, dass einen weder fahrige Personen, noch fahrige Texte daran erinnern müssen, woran das eigene Lebensglück hängt und woran eben nicht.

Samstag, 21. Juni 2014

Aus dem eigenen Leben I

Der Fahrstuhl öffnet sich. Ein flüchtiger Blick im Vorbeigehen. Sie steigt aus. Ich bleibe stehen und starre sie an. Mit meinen neunzehn Jahren ist mir mein ganzes Dasein peinlich. Mein Kopf macht sich daher selten die Mühe, extra rot anzulaufen, um darauf hinzuweisen. In diesem Moment ist das anders.

Ihre braunen Augen bilden diesen wunderbaren Kontrast zu ihren blonden Locken. Die Sommersprossen wirken so wundebar fremd auf ihrer weißen Haut. Zwei Jahre lang war sie für mich die schönste Frau der Welt.

„I-ch dach-te, d-u bist i-i-i-n Sch-we-den?“, stammele ich. Kein „Hallo“, kein „Schön, dich zu sehen“, kein „Hey, wie geht es dir?“ verlässt meine Lippen. Kein Lächeln vor Freude, sie wiederzusehen. Vermutlich liest sich mein Gesichtsausdruck in diesem Moment als blankes Entsetzen. Sie blinzelt viele Male, zurecht verwirrt.

„Ja, das war ich auch.“ Ihre Augenbrauen kräuseln sich. Sie mustert mich lange und intensiv. Ich wundere mich, dass es meinen Brustkorb noch nicht durchschlagen hat – mein kieselsteingroßes Herz.

In Gedanken zähle ich nach, wieviele Sätze wir in den zwei Jahren gewechselt haben. 18 ½! Sie muss sich wundern, dass ich von ihrem Jahr in Schweden weiß.

Ihre Augenbrauen hüpfen. Es ist eindeutig. Es liegt an mir. Wenn ich mir nicht den Rest meines Lebens vorhalten will, mit meiner ersten Liebe nie wirklich Zeit verbracht zu haben, ihr nie näher gekommen zu sein, als zwei Jahre lang in Mathestunden vor ihr zu sitzen, dann muss ich jetzt handeln.

Seit Beginn meines Zivildiensts im örtlichen Altenheim, habe ich mich gefragt, ob der gleiche Nachname reiner Zufall oder ob es nicht vielleicht doch ihre Oma ist. Und ich hatte Monate lang Zeit gehabt, mir für diesen Moment, mir für diese Eventualität etwas zu überlegen. Eine Strategie. Gesprächsthemen gibt es doch genug auf der Welt. Doch die Gedächtnis-Schublade mit Plan A klemmt.

Mein Kopf ist selten leer. Auch jetzt nicht. Tausende von Möglichkeiten gewittern hinter meiner Stirn. Aber ist mein Gegenüber eine Frau, die ich mag, wird mein innerer Zensor zum Titan. Breitbeinig stellt er sich der Gewitterfront entgegen, fängt die Blitze mit bloßen Händen. Kein Satz kann vor ihm bestehen.

...

Ihr Blick wandert zum Seitengang. Sie nickt noch einmal in meine Richtung. Zum Abschied. Jetzt oder nie. Jetzt oder nie. Komm schon, du kannst es …

Nie.

Es hätte mein Moment sein sollen. Es war mein Terrain. Neun Monate Ebene fünf. Neun Monate Hauswirtschafts-Zivi auf der Demenz-Etage. Die Pfleger mochten mich. Die Bewohner mochten mich. Die Pflegerinnen liebten mich. Die Bewohnerinnen liebten mich noch mehr. Doch selbst hier hatte ich nicht das Ego und den Mut.

Die Hektik des Altenheimbetriebs lässt nicht die Zeit, im Gedankenmeer zu versinken.

„Noo-oooch eet-waaa-aas Saa-aaft bi-ii-ttee!“ Frau M. machte in meinem Rücken auf sich aufmerksam. Rollstuhl. Zusammengeschrumpft auf Zwergengröße. Demenz. Ein Mensch ohne Bewusstsein für seine eigene Geschichte. Sprechen strengt sie wahnsinnig an. Ich drehe mich um und beuge mich zu ihr runter. Die Niederlage gerade – Salz auf meinem immer wunden Herz. Ausnahmsweise muss ich mein Lächeln vortäuschen. Sie nicht. Sie strahlt mich an, als ich ihren Wunsch erfülle. Sie ist weit über neunzig und dies sollten die letzten Monate ihres Lebens werden.

An meinem letzten Tag würde Frau M. all ihre Kraft zusammennehmen. Worte haben große Macht. Kein Wunder, dass sie einen manchmal anstrengen. Sie würde mich auf die Wange küssen. Und sie würde mir zum Abschied sagen: „Ich liebe dich.“ Bis zum heutigen Tag ist sie die einzige Frau, die das zu mir sagte, mit der ich nicht verwandt bin. Tja nun.