Hibbelig und aufgekratzt wirkt sie - wie jemand, der viel
lacht und alberne Witze reißt. Es ist schwer vorstellbar, dass sie fast zehn
Jahre älter als ich ist; bald vierzig wird. Ihr fahriges Wesen lässt daran
zweifeln, nicht das jugendliche Outfit mit zerrissenen Jeans und bunten
Chucksen. Allerdings frage ich mich, ob sie immer derart jugendlich angezogen
ist, oder ob es dem Musikfestival gilt, das wir beide besuchen und welches zu unserer
verhältnismäßig zufälligen Begegnung führte.
„Ich habe nie wirklich weitergedacht“, sagt sie. „Ich wollte
Kinder und diesen Job. Beides hab ich jetzt. Was jetzt noch kommen soll, weiß
ich nicht genau. Vor allem, da selbst die Kleine mich nicht mehr so braucht,
wie früher.“ Erstaunt wirkt sie über das Gesagte. Es scheint sie zu wundern,
dass sie in jüngeren Jahren nie darüber nachgedacht hat, was kommen soll,
nachdem man die großen Ziele – Familie, Haus und Traumberuf – erreicht hat.
Vielleicht gibt es Menschen, die das Halten des Erreichten genüg Mühe kostet,
so dass solche Gedanken gar nicht erst kommen. Bei ihr ist dem wohl nicht so.
Mit ihrer fünfzehn Jahre jüngeren Freundin, einer ehemaligen Babysitterin für
ihre Kinder, besucht sie das erste Musikfestival ihres Lebens. Es scheint Teil
ihrer persönlichen Suche nach einem unbestimmten Mehr, einem Gefühl der
Ganzheit, das der Welt verlorengegangen zu sein scheint, einem Gefühl, von dem
viele meines Alters annehmen, dass es sich mit dem Erreichen der großen Ziele
von alleine einstellt.
Es ist wohl die Sehnsucht nach diesem Gefühl, die das „Ankommen“
oder wie immer man es nennen will zum Dauerthema Nr. 1 für Menschen meines
Alters macht. Berufliche und private Erfüllung finden, wird zur Lebensmaxime
und neidisch jeder begutachtet, der diese vermeintlich schon gefunden hat.
Trifft man alte Bekannte, kommt es immer gleich zum Statusabgleich.
Erstaunlich, da die äußeren Parameter für das innere Befinden nicht ausschlaggebend
zu sein scheinen: Der „Gewinner“ des zehnjährigen Abijubiläums lässt sich
wenige Monate später scheiden, und muss plötzlich wieder neu anfangen, wohnt in
einer Dreier-WG in einer fremden Stadt. Andere führt der Traumjob in der
Sekunde für drei Jahre außer Landes, in der sie den lange herbeigesehnten und
vermeintlich richtigen Partner gefunden haben. Und wieder andere starten
beruflich gänzlich neu, weil es der ursprünglich auserkorene Traumberuf dann
doch nicht war, und bevölkern wieder Hörsäle und Weiterbildungsseminare. Und
dann sitzt da diese junge Frau und erzählt, dass es zehn Jahre später selbst
bei denen, die es „geschafft haben“, innerlich immer noch so unruhig und
unausgegoren aussieht!?
Meine kleinen Angstteufel machen sich schon bereit, mich angesichts
dieser Vorstellung mit dem Dreizack zu drangsalieren, doch dann erwische ich
mich dabei zu lächeln; denn eigentlich hat dieser Gedanke etwas sehr Versöhnliches.
Natürlich stresst es manchmal und füllt einen mit Ängsten, wenn die großen
Ziele noch nicht erreicht sind. Aber wenn sich Zufriedenheit eh nur durch den
Blick nach Innen gewinnen lässt, ist die Chance darauf immerhin jederzeit
gleich groß. Auch dann, wenn man daran leidet, ein paar der großen Fragen, noch
nicht aus dem Weg geräumt zu haben. Schließlich werden diese Fragen nach dem
Abhaken wiederum nur durch neue ersetzt. Sich mit all den kleinen inneren
Nörglerstimmen auszusöhnen, wird wohl nur klappen, wenn man lernt, die Herausforderungen
anzunehmen, die man sich nicht ausgesucht hat, und weitere Herausforderungen zu
suchen, nach denen das Innere verlangt.
Und was man in der Theorie immer schon wusste, muss nun
verinnerlicht werden. Es geht nicht darum, beim nächsten Statusabgleich mit
alten Bekannten am besten abzuschneiden, sondern die Umstände des eigenen
Lebens mit den eigenen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Und es sind meine Bedürfnisse,
die zählen, nicht die von außen an mich herangetragenen, die meinen inneren
Kritiker so wunderbar verzogen haben, mich lautstark mit unsäglichen Konzepten wie
„Selbstoptimierung“ und „Maximalleistung“ zu quälen. Die Scham des Scheiterns
darf verschwinden, wenn man nur genügend Fehltritte beobachtet hat – eigene und
die von anderen. Und wenn man dann noch ein bisschen Glück hat, erlangt man
wahrlich Wertvolles. Seelentiefe, das Verschwinden der Angst oder vielleicht
die Fähigkeit, mit sich selbst so im Reinen zu sein, dass einen weder fahrige
Personen, noch fahrige Texte daran erinnern müssen, woran das eigene
Lebensglück hängt und woran eben nicht.