Donnerstag, 30. Juli 2015

Von einer zufälligen Begegnung



Hibbelig und aufgekratzt wirkt sie - wie jemand, der viel lacht und alberne Witze reißt. Es ist schwer vorstellbar, dass sie fast zehn Jahre älter als ich ist; bald vierzig wird. Ihr fahriges Wesen lässt daran zweifeln, nicht das jugendliche Outfit mit zerrissenen Jeans und bunten Chucksen. Allerdings frage ich mich, ob sie immer derart jugendlich angezogen ist, oder ob es dem Musikfestival gilt, das wir beide besuchen und welches zu unserer verhältnismäßig zufälligen Begegnung führte. 

„Ich habe nie wirklich weitergedacht“, sagt sie. „Ich wollte Kinder und diesen Job. Beides hab ich jetzt. Was jetzt noch kommen soll, weiß ich nicht genau. Vor allem, da selbst die Kleine mich nicht mehr so braucht, wie früher.“ Erstaunt wirkt sie über das Gesagte. Es scheint sie zu wundern, dass sie in jüngeren Jahren nie darüber nachgedacht hat, was kommen soll, nachdem man die großen Ziele – Familie, Haus und Traumberuf – erreicht hat. Vielleicht gibt es Menschen, die das Halten des Erreichten genüg Mühe kostet, so dass solche Gedanken gar nicht erst kommen. Bei ihr ist dem wohl nicht so. Mit ihrer fünfzehn Jahre jüngeren Freundin, einer ehemaligen Babysitterin für ihre Kinder, besucht sie das erste Musikfestival ihres Lebens. Es scheint Teil ihrer persönlichen Suche nach einem unbestimmten Mehr, einem Gefühl der Ganzheit, das der Welt verlorengegangen zu sein scheint, einem Gefühl, von dem viele meines Alters annehmen, dass es sich mit dem Erreichen der großen Ziele von alleine einstellt.

Es ist wohl die Sehnsucht nach diesem Gefühl, die das „Ankommen“ oder wie immer man es nennen will zum Dauerthema Nr. 1 für Menschen meines Alters macht. Berufliche und private Erfüllung finden, wird zur Lebensmaxime und neidisch jeder begutachtet, der diese vermeintlich schon gefunden hat. Trifft man alte Bekannte, kommt es immer gleich zum Statusabgleich. Erstaunlich, da die äußeren Parameter für das innere Befinden nicht ausschlaggebend zu sein scheinen: Der „Gewinner“ des zehnjährigen Abijubiläums lässt sich wenige Monate später scheiden, und muss plötzlich wieder neu anfangen, wohnt in einer Dreier-WG in einer fremden Stadt. Andere führt der Traumjob in der Sekunde für drei Jahre außer Landes, in der sie den lange herbeigesehnten und vermeintlich richtigen Partner gefunden haben. Und wieder andere starten beruflich gänzlich neu, weil es der ursprünglich auserkorene Traumberuf dann doch nicht war, und bevölkern wieder Hörsäle und Weiterbildungsseminare. Und dann sitzt da diese junge Frau und erzählt, dass es zehn Jahre später selbst bei denen, die es „geschafft haben“, innerlich immer noch so unruhig und unausgegoren aussieht!?

Meine kleinen Angstteufel machen sich schon bereit, mich angesichts dieser Vorstellung mit dem Dreizack zu drangsalieren, doch dann erwische ich mich dabei zu lächeln; denn eigentlich hat dieser Gedanke etwas sehr Versöhnliches. Natürlich stresst es manchmal und füllt einen mit Ängsten, wenn die großen Ziele noch nicht erreicht sind. Aber wenn sich Zufriedenheit eh nur durch den Blick nach Innen gewinnen lässt, ist die Chance darauf immerhin jederzeit gleich groß. Auch dann, wenn man daran leidet, ein paar der großen Fragen, noch nicht aus dem Weg geräumt zu haben. Schließlich werden diese Fragen nach dem Abhaken wiederum nur durch neue ersetzt. Sich mit all den kleinen inneren Nörglerstimmen auszusöhnen, wird wohl nur klappen, wenn man lernt, die Herausforderungen anzunehmen, die man sich nicht ausgesucht hat, und weitere Herausforderungen zu suchen, nach denen das Innere verlangt.

Und was man in der Theorie immer schon wusste, muss nun verinnerlicht werden. Es geht nicht darum, beim nächsten Statusabgleich mit alten Bekannten am besten abzuschneiden, sondern die Umstände des eigenen Lebens mit den eigenen Bedürfnissen in Einklang zu bringen. Und es sind meine Bedürfnisse, die zählen, nicht die von außen an mich herangetragenen, die meinen inneren Kritiker so wunderbar verzogen haben, mich lautstark mit unsäglichen Konzepten wie „Selbstoptimierung“ und „Maximalleistung“ zu quälen. Die Scham des Scheiterns darf verschwinden, wenn man nur genügend Fehltritte beobachtet hat – eigene und die von anderen. Und wenn man dann noch ein bisschen Glück hat, erlangt man wahrlich Wertvolles. Seelentiefe, das Verschwinden der Angst oder vielleicht die Fähigkeit, mit sich selbst so im Reinen zu sein, dass einen weder fahrige Personen, noch fahrige Texte daran erinnern müssen, woran das eigene Lebensglück hängt und woran eben nicht.